Rumänien: Schwellenland – und Beispiel für angewandten Vampirismus!

– eine Momentaufnahme von Ende 1996 – bewusst nicht aktualisiert!


Die sozialen und politischen Verhältnisse haben sich in Rumänien in den letzten drei Jahren, seitdem wir dort unser Stück Carmilla schrieben, leider kaum gebessert. Ob der gerade stattgefundene Wechsel - die am 3. November 1996 stattfindenden Wahlen hat die Opposition gewonnen - wirklich viel zum Besseren wendet, muss leider bezweifelt werden. Es ist den Menschen in Rumänien allerdings zu wünschen. Hier gilt wir in vielen anderen Ländern das berühmte Wort von Lichtenberg: 
»Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll!«

Bei einem durchschnittlichen Monatsverdienst von 80 bis 90 Mark – für die, die Arbeit haben – und Renten, die weitaus niedriger liegen (manche Bauern haben gar keine!) müssen die Leute mit Preisen leben, die bei Grundnahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs im Schnitt die Hälfte der unseren erreichen und bei importierten Nahrungsmitteln oder Luxusgütern auch gleich hoch oder sogar höher sein können. Die Regierenden sind im wesentlichen noch die alte Nomenklatura, das Geheimdienst heißt nur anders, und es bewegt sich kaum etwas. Die Privatisierung der Häuser ist in den den drei Jahren kaum vorangeschritten, der Tourismus aus dem Ausland hat kaum zugenommen, und die reichsten Rumänen sind die, die mit dem Ausland Exklusivverträge haben – meist Vertreter der alten Regierung.
Die westlichen Unternehmen allerdings verdienen sich eine goldene Nase - angewandter Vampirismus.
Immerhin: Die Presse ist zumindest offiziell frei; Zitat eines Kollegen vom Fernsehen: »Man darf über alles reden und schreiben – aber es ändert nichts, denn es hört keiner zu.«

Kein Wunder, dass viele Deutschstämmige in die BRD gekommen sind; von den noch etwa 100.000 wollen die meisten bleiben, aber viele hätten gerne einen deutschen Paß, um problemlos über die Grenze zu kommen zu Besuchen oder Seminaren. Die österreichische Grenze ist nämlich für Rumänen eine Katastrophe, bis hin zum offenen Rechtsbruch, und die deutsche Regierung und ihre Vertretungen verhalten sich in ihrer Visapolitik zutiefst menschenverachtend. Dies wäre einen eigenen Bericht wert, hier nur soviel: Drei- oder viermaliges Anreisen oft über mehrere Stunden – das kann leicht ein Monatsgehalt an Sprit kosten! – und jedesmal stundenlanges Schlangestehen für ein Visum ist normal. Aber das deutsche Generalkonsulat in Sibiu ist stolz darauf, dass die Leute nicht noch wie vor einem Jahr vor der Visastelle übernachten müssen!

Ich habe die Menschenschlange und die MP-bewaffneten Wächter heimlich mit der Videocamera dokumentiert; mein Ersuchen um offizielle Dreherlaubnis für die Visastelle wurde sowohl für innen wie für außen abgelehnt. Generalkonsul Breth erklärte mir in einem Telefongespräch, es gebe zentrale Bestimmungen bzgl. Aufnahmen in deutschen Auslandsvertretungen und besonders bezüglich der sicherheitsrelevanten Bereiche und Absperrungen. Es bedürfe einer Zustimmung aus Bonn und auch dort einer Abstimmung in größerem Rahmen. Besonders Aufnahmen in der Visastelle seien nur möglich in Abstimmung und unter Aufsicht(!) des Pressereferates des Auswärtigen Amtes, da dies ein außerordentlich sensibler Bereich sei und die BRD besonders wegen ihrer Visapolitik immer wieder angegriffen werde.

Ich kann mich diesen Angriffen nur anschließen, denn was die BRD dort macht, ist menschenverachtend und eine Schande!

Ein regelmäßiger Austausch von Menschen und Informationen wäre auch für die deutschsprachige Bevölkerung in Rumänien sehr wichtig, denn sie lebt in der Gefahr, in ihrer Kultur zu versteinern, zu verkrusten. Kein Wunder, dass man da auch schon Folkloretänze zu Heinos »Schwarzbraun ist die Haselnuß« erlebt!